Frühlingswaldlandschaft, verschiedene Grüntöne und weiches Licht
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Essay

März-Tagebuch: Vier Wochenenden, vier Erlebnisse

Ein Monat, vier Samstage, vier verschiedene Richtungen. Was passiert, wenn man den März ernst nimmt.

Erstes Wochenende: Grunewald, Bärlauch

Der März beginnt zögerlich. Fünf Grad, bedeckt, die Art von Samstag, an dem man normalerweise drinnen bleibt. Aber der Bärlauch wartet nicht auf besseres Wetter.

Treffpunkt ist die S-Bahn-Station Grunewald, acht Uhr morgens. Fünf andere Teilnehmer, ein Guide, und das Versprechen, dass wir in drei Stunden wissen werden, was Bärlauch von seinen giftigen Doppelgängern unterscheidet.

Der Wald riecht nach März: feucht, erdig, mit einer Schärfe, die man nicht sofort zuordnen kann. Dann erkennt man sie — Knoblauch. Bärlauch. Überall.

Der Guide zeigt die Blätter, erklärt die Verwechslungsgefahr mit Maiglöckchen und Herbstzeitlose. Er ist ruhig, präzise, wiederholt nichts, was man schon verstanden hat. Am Ende hat jeder ein Bündel und ein Rezept. Zu Hause wird Pesto daraus, und das Pesto wird besser sein als alles, was man kaufen kann.

Zweites Wochenende: Dahlem, Stille

Waldbaden klingt nach einem Wort, das jemand erfunden hat, um Spaziergänge teurer zu verkaufen. So dachte ich auch. Dann ging ich nach Dahlem.

Der Unterschied zum Spaziergang liegt nicht im Ort — sondern im Tempo. Man geht so langsam, dass der Körper sich irgendwann beschwert. Der Kopf braucht länger. Nach zwanzig Minuten Schweigen meldet er sich mit Widerstand: Das ist langweilig, das bringt nichts, wann ist das vorbei.

Nach vierzig Minuten wird es stiller. Nicht außen — innen. Die Vögel werden lauter, aber nicht weil sie lauter singen. Man hört sie zum ersten Mal richtig.

Der Guide sagt in dreieinhalb Stunden vielleicht zwanzig Sätze. Keiner davon ist überflüssig.

Drittes Wochenende: Barnim, Vögel

Der Barnim im März ist Zugvogel-Territorium. Kraniche, Gänse, Stare — die Luft ist voller Bewegung. Ein Ornithologe erklärt, was man sieht und was man hört, und plötzlich wird aus dem gleichförmigen Vogelgezwitscher ein differenziertes Gespräch.

Das Fernglas verändert die Perspektive. Ein Vogel, der vorher ein brauner Punkt war, wird zu einem Tier mit Ausdruck, Verhalten, Absicht. Der Ornithologe zeigt Feldkennzeichen: Die Art, wie ein Bussard kreist, unterscheidet sich von der eines Milans. Wenn man es einmal gesehen hat, kann man es nicht mehr übersehen.

Der Morgen endet nach drei Stunden. Am Nachmittag sitze ich auf dem Balkon und erkenne zum ersten Mal die Kohlmeise an ihrem Ruf. Nicht am Aussehen — am Klang. Vor einer Woche hätte ich das nicht gekonnt.

Viertes Wochenende: Potsdam, Klang

Ein Klangspaziergang klingt esoterisch. Er ist es nicht. Es ist im Grunde eine Übung in Aufmerksamkeit: man geht durch einen Park und hört hin. Nicht auf etwas Bestimmtes — auf alles.

Der Guide ist Tontechniker von Beruf. Er erklärt, wie Klang sich in Räumen verhält, warum ein Park anders klingt als eine Straße, warum Wind in Buchen anders rauscht als in Kiefern. Physik, nicht Mystik.

Nach zwei Stunden ist der Spaziergang vorbei. Auf dem Rückweg im Zug merke ich, dass ich anders höre. Die Ansage im RE1 klingt anders. Das Rattern der Schienen klingt anders. Nicht besser oder schlechter — bewusster.

Was bleibt

Vier Samstage, vier verschiedene Richtungen. Keiner hat mehr als sechzig Euro gekostet. Keiner brauchte ein Auto. Jeder hat etwas verschoben — nicht dramatisch, nicht für immer, aber merkbar.

Der März ist ein guter Monat, um anzufangen. Die Natur fängt auch gerade an.