Wildkräuter, Mai 2026 — was am Wegesrand wächst und was im Korb landen darf
Wer im März Bärlauch gesucht hat, kennt das Gefühl. Im Mai ist das anders — Knoblauchsrauke, Giersch, Sauerampfer, Brennnessel und Vogelmiere stehen am Wegesrand. Wo es erlaubt ist, was sich verwechseln lässt, was im Korb landet.
Ein Monat, der zu Boden schaut
Wer im März Bärlauch gesucht hat, kennt das Gefühl: ein kurzes Fenster, das sich schnell schließt. Im Mai ist das anders — eine Wiese im Mai zeigt mehr essbare Pflanzen, als die meisten Bestimmungsbücher auf einer Doppelseite unterbringen. Knoblauchsrauke, Giersch, Sauerampfer, Brennnessel, Vogelmiere, Gundermann, Wiesen-Schaumkraut. Die Liste ist nicht abschließend, sie wird länger.
Das Problem ist nicht die Verfügbarkeit. Das Problem ist, dass man wissen muss, was man tut.
Was im Mai wächst — und was wirklich am Wegesrand steht
Knoblauchsrauke (Alliaria petiolata) ist eine der dankbarsten Pflanzen für Anfänger. Weiße, kreuzförmige Blütenstände auf 30–80 cm hohem Stängel, herzförmige Blätter, Knoblauchgeruch beim Zerreiben. An Waldrändern und Hecken in Brandenburg häufig.
Giersch kennt jeder Gärtner als Plage — und kaum jemand als feines Frühlingsgemüse. Dreiteilige Blätter, hohlkantiger Stängel, leicht petersilien-ähnlicher Geschmack. Sammeln macht den Garten sauberer.
Brennnessel ist die unscheinbarste Königin im Mai. Junge Triebspitzen, 15–20 cm, vor der Blüte. Mit Handschuhen pflücken, dann blanchieren — der Brennsaft verschwindet, der Eisen- und Eiweißgehalt bleibt.
Sauerampfer liefert mit pfeilförmigen Blättern und rötlichen Blütenähren die Säure, die viele Mai-Gerichte brauchen. Wiesen, Bachufer, Wegränder. Im Salat oder als Suppe.
Gundermann wächst flächig in feuchten Wiesen, blau-violette Lippenblüten, runde Blätter mit gekerbtem Rand. Bittere Note, gut sparsam in Quark oder Salat.
Vogelmiere ist der unspektakuläre Star im Mischsalat. Liegende, krautige Pflanze, kleine weiße Sternblüten, milder Geschmack. Wer sie einmal kennt, sieht sie überall.
Was nicht in dieser Liste steht: Bärlauch. In Brandenburg ist er auf der Roten Liste, Kategorie 1 — vom Aussterben bedroht. Auch wenn er sichtbar ist, gehört er nicht in den Korb. Wer im März Bärlauch wollte, hat ihn entweder im Berliner Grunewald gefunden oder gar nicht. Im Mai ist er ohnehin durch.
Wo es erlaubt ist — und wo nicht
Die rechtliche Grundlage ist klarer als sie klingt. § 39 Bundesnaturschutzgesetz, die sogenannte Handstrauß-Regelung, erlaubt das Sammeln wild wachsender Pflanzen in geringen Mengen für den persönlichen Bedarf — sofern die Art nicht besonders geschützt ist und der Standort öffentlich zugänglich.
Was das praktisch heißt:
Erlaubt: Wegränder, Waldränder, Wiesen außerhalb Naturschutzgebieten. Eigenbedarf. Handstrauß-Mengen.
Nicht erlaubt: Naturschutzgebiete (Kernzonen vor allem), Biosphärenreservats-Pflegezonen mit Sammelverbot, FFH-Gebiete im engeren Sinn, geschützte Arten (Bärlauch in Brandenburg, Orchideen, viele andere), kommerzielle Mengen.
Das klingt komplizierter, als es ist. Faustregel: Wenn ein Schild dasteht, gilt das Schild. Wenn keins dasteht und man weiß, dass man nicht in einem NSG ist — Handstrauß ist okay.
Vier Spots in Berlin und Brandenburg
Berlin Grunewald, Tegeler Fließ, Stadtparks — überraschend viele Wildkräuter direkt im Stadtgebiet. Vorteil: kurze Anreise, gute Bestimmungs-Vergleichsmöglichkeiten. Nachteil: Hundeauslaufgebiete und Straßennähe meiden.
Buckow in der Märkischen Schweiz — die Waldrandwege westlich des Schermützelsees liegen im Landschaftsschutzgebiet, kein Sammelverbot. Anreise per RB26 nach Müncheberg, dann Sa/So mit der Buckower Kleinbahn oder Bus 928 wochentags. Ein klassischer Tagesausflug.
Wildkräuterweg Dahnsdorf im Hohen Fläming — der einzige offiziell ausgeschilderte Wildkräuterweg in Brandenburg, mit Bestimmungstafeln am Wegrand. 3,3 km Rundweg, ab Dorfmitte gegenüber der Kirche. Auto-Anreise, ca. 60 Min ab Berlin Mitte.
Nordwestuckermark um Templin — wer nicht alleine los will: Ulrike Dittmann von pratensis bietet Halb- und Ganztageskurse mit eigenen Pflanzenführern der Region.
Was sich verwechseln lässt — und was das bedeutet
Die wichtigste Regel beim Sammeln: Im Zweifel nicht. Drei Verwechslungsgefahren, die regelmäßig zu Vergiftungen führen:
Knoblauchsrauke ↔ Gefleckter Schierling — Schierling hat einen hohlen Stängel mit roten Flecken, Knoblauchsrauke nicht. Bei Doldenblütlern grundsätzlich zur Geruchsprobe greifen: Knoblauch heißt Knoblauchsrauke, mausartiger Geruch heißt Schierling.
Wiesen-Kerbel ↔ Schierling — beide Doldenblütler, beide weißblütig, beide am Wegrand. Wiesen-Kerbel hat dreikantige, behaarte Stängel ohne rote Flecken; Schierling glatte, hohle Stängel mit Flecken. Wenn unsicher: stehen lassen.
Junge Maiglöckchen-Triebe ↔ Bärlauch — Bärlauch riecht nach Knoblauch, Maiglöckchen nicht. Da wir Bärlauch in Brandenburg nicht sammeln, ist das Problem hier kleiner — aber wer doch mal in einem anderen Bundesland Bärlauch sucht: Geruchsprobe ist Pflicht.
Die Faustregel: Drei sichere Bestimmungsmerkmale pro Pflanze. Wer nur zwei findet, lässt es.
Was im Korb landet, was im Topf
Pesto ist die naheliegendste Verwendung — Knoblauchsrauke, Giersch oder eine Mischung mit Olivenöl, Pinienkernen oder Walnüssen, Parmesan, Salz. Hält gekühlt 1–2 Wochen.
Kräutersalat mit Vogelmiere als Basis, Sauerampfer und Gundermann sparsam, etwas Brennnessel blanchiert. Olivenöl, Zitrone, Salz.
Kräuterquark mit Schnittlauch, Petersilie und drei bis vier Wildkräutern — der Wildanteil sollte ein Drittel nicht überschreiten, sonst wird es bitter.
Brennnessel-Suppe ist einfach und unterschätzt: blanchierte Triebspitzen, Kartoffel, Zwiebel, Brühe, etwas Sahne.
Was alles nicht in den Supermarkt passt: Geschmack mit echter Schärfe, mit echter Säure, mit echter Bitterkeit. Wildkräuter erinnern daran, dass Geschmack nicht nur süß und salzig ist.
Wer mehr will
Ein gutes Bestimmungsbuch ist die wichtigste Investition. „Essbare Wildpflanzen" von Steffen Guido Fleischhauer ist seit Jahren der Standard. Eine App ersetzt das nicht — wer auf der Wiese steht, will nicht scrollen, sondern blättern.
Wer einen Tag mit Anleitung möchte, findet das im LICHTUNG-Erlebnis Wildkräuter sammeln — mit Anbieter-Kursen in Berlin und der Uckermark oder selbstgeführt in Buckow und Dahnsdorf.
Mai ist der Monat, der dem Frühjahr Substanz gibt. Die Pflanzen sind da. Es lohnt, hinzusehen.
Häufige Fragen
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Ja, § 39 BNatSchG erlaubt das Sammeln wild wachsender Pflanzen in geringen Mengen für den persönlichen Bedarf. Außerhalb von Naturschutzgebieten, Biosphärenreservats-Kernzonen und nicht für besonders geschützte Arten.
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Bärlauch steht in Brandenburg auf der Roten Liste, Kategorie 1 — vom Aussterben bedroht. Auch wenn Pflanzen sichtbar sind, ist das Sammeln in dieser Region rechtlich problematisch und ökologisch nicht vertretbar.
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Knoblauchsrauke ↔ Gefleckter Schierling und Wiesen-Kerbel ↔ Schierling sind die wichtigsten. Schierling erkennt man am hohlen, rot gefleckten Stängel. Im Zweifel: Geruchsprobe und drei sichere Bestimmungsmerkmale.